SSW 33+3
Erfahrungsbericht einer Frühchen-Mama · 06.01.2023

Schwangerschaft
Aufgrund meiner ersten Schwangerschaft, die in der SSW 27+6 beendet werden musste, weil ich eine schwere Präeklampsie und ein Hellp Syndrom hatte, wusste ich, dass das Risiko einer Frühgeburt bei einer weiteren Schwangerschaft erhöht ist. Lange konnte ich mir aus diesem Grund nicht vorstellen, nochmals schwanger zu werden. Als unser Sohn Milo ca. zweijährig war, ging ich zu einer Psychologin, die auf der Neo arbeitete und dort konnte ich über meine Ängste sprechen und änderte schliesslich meine Meinung. Als Milo 2.5 Jahre alt war, wurde ich schwanger. Wegen meiner Vorgeschichte machte ich in der SSW 12 ein Präeklampsie-Screening, es wurde ein sehr hohes Risiko für eine weitere Schwangerschaftsvergiftung angezeigt. Ich musste täglich niedrigdosiertes Aspirin einnehmen, um dies hinauszuzögern. Ich wurde engmaschig kontrolliert und lange verlief alles gut, d.h. meine Werte (Blut, Urin und Blutdruck) waren in Ordnung und das Baby wuchs normal. Ca. in der SSW 32 stieg mein Blutdruck, den ich täglich messen musste, stark an. In drei Tagen hatte ich sowieso eine Kontrolle im Spital und meine Beleghebamme meinte, es sei vertretbar, noch bis dahin zu warten, da eine Präeklampsie in diesem Stadium der Schwangerschaft nicht so unmittelbar auftritt wie in der frühen Schwangerschaft. Am Tag der Kontrolle schien zuerst alles normal, das Baby war 2.2 kg schwer, so wie es sein sollte. Der hohe Blutdruck alarmierte die Ärztin aber dann, sie machten weitere Tests und schnell war klar, dass eine beginnende Schwangerschaftsvergiftung vorliegt. Ich durfte noch kurz nach Hause, um meine Sachen zu packen und meinem dreijährigen Sohn Tschüss zu sagen. Dann trat ich ins Spital ein, wo mir sofort die Lungenreifung verabreicht wurde. Da dies Ende April 2020 war und die Spitäler wegen Corona strenge Besuchsbeschränkungen hatten, durfte ich auf der Pränatalstation keinen Besuch empfangen, auch mein Mann war nur 2x pro Woche für eine Stunde zugelassen. Es war eine grosse Herausforderung für mich, so viel Zeit ohne andere vertraute Menschen um mich herum zu verbringen. Ich war weitgehend alleine mit meinen Ängsten und Sorgen. Auch wenn ich ehrlich gesagt immer gewusst habe, dass ich auch bei der zweiten Schwangerschaft eine Schwangerschaftsvergiftung bekommen würde und die Schwangerschaft nicht bis zum Ende erleben werde, hoffte ich, dass ich noch möglichst lange mit dem Baby im Bauch im Spital bleiben könnte. Zwei Tage lang waren die Werte stabil. Als nach 48 Stunden die Lungenreife abgeschlossen war, teilten mir die Ärzte mit, dass sie das Baby nun per Kaiserschnitt holen wollen, weil sie den schnellen Verlauf der Krankheit kennen und aufgrund meiner Vorgeschichte kein Risiko eingehen wollten. Da das Baby schon «so weit» war, wollte man nicht riskieren, dass es mir wieder so schlecht geht, wie beim ersten Mal. Für uns war diese Entscheidung zunächst nicht nachvollziehbar, die Werte waren ja stabil und vielleicht könnte man doch die SSW 35 erreichen und wir müssten nicht nochmals auf die Neo. Nach einem Gespräch mit der Neonatologin entschieden wir uns aber doch dafür, das Baby zu holen. Hauptsächlich, damit ich nicht riskieren würde, wieder so schwer krank zu werden, wie drei Jahre zuvor und somit die Zeit nach der Geburt hoffentlich besser bewältigen könnte. Es war der 1. Mai 2020. Ich ass dann noch schnell den Fruchtsalat vom Mittag, da ich wusste, dass ich nachher nichts mehr essen dürfte. Leider hat mir niemand gesagt, dass ich bereits zu diesem Zeitpunkt nichts mehr hätte essen dürfen. Die Anästhesisten weigerten sich dann, den geplanten Kaiserschnitt unter diesen Umständen durchzuführen. Er wurde auf den Folgetag verschoben.
Geburt
Ich hatte eine Beleghebamme und sie dufte glücklicherweise dabei sein, obwohl dies gewöhnlich erst ab der SSW 34 zulässig ist. Am nächsten Morgen kam mein Mann, sie machten mich für die OP bereit. Sie verzögerte sich wegen Notfällen noch um einige Stunden. Da es mir sehr wichtig war, dass unser Kind von Anfang an Muttermilch bekommt und Spendermilch nur für sehr frühe Frühgeborene reserviert ist, versuchte ich, etwas Kolostrum zu sammeln, was mir auch gelang. Da wir mit der Beleghebamme viele Gespräche geführt hatten, wussten wir, dass es die Möglichkeit einer Kaisergeburt gibt, d.h. sofort nachdem das Baby herausgeholt wird, wird das Tuch, das die Sicht verbirgt, entfernt und die Eltern sehen das Baby durch eine transparente Folie hindurch. Kurz vor Mittag, am 2. Mai 2020 kam unsere Tochter mit 1785 g zur Welt. Ihr Gewicht wurde bei der Vorsorgeuntersuchung deutlich überschätzt. Noch als sie mich am Zunähen waren, kam mein Mann plötzlich mit unserer Tochter im Arm zu uns. Ich konnte es kaum glauben, dass dies wirklich geschieht und es war wunderschön. Ich war sehr emotional zu diesem Zeitpunkt und unendlich erleichtert, sie so zu sehen. Sie konnte selbst atmen und war kerngesund. Sie durften einige Minuten bei mir bleiben, bevor mein Mann dann mit ihr und den Neonatologen auf die Neo ging. Ich durfte kurz darauf auch zu ihr. Der Name, den wir für unsere Tochter ausgewählt hatten, passte nicht zu ihr und wir suchten einen neuen. Sie hatte deshalb am ersten Tag noch keinen Namen.
«Dass die Kinder die Stimmen der Eltern hören und ihre Nähe spüren, gibt ihnen Kraft.»
Zeit auf der Neonatologie
Am 2. Lebenstag, als ich (im Rollstuhl) frühmorgens auf die Neo ging, fragte man mich, wie das Kind denn nun heisse. Ich teilte den Pflegefachfrauen mit, dass sie Anouk heisst und sie konnten endlich ihr Namensschild am Wärmebettchen vervollständigen. Anouk brauchte keine Atemunterstützung, sie hatte aber eine Magensonde. Bei der Rückkehr auf die Neo trafen wir alte Bekannte: Viele Pflegefachpersonen und einige Ärztinnen waren noch die gleichen, die wir von Milos Zeit auf der Neo kannten und sie freuten sich alle sehr, uns wiederzusehen und zu hören, wie gut es Milo geht. Für uns waren die bekannten Gesichter ein wichtiger Anker und wir fühlten uns sofort wieder gut aufgehoben. Leider durften mein Mann und ich in den ersten 10 Tagen nicht gemeinsam bei Anouk sein, die Corona-Regeln erlaubten nur eine Person beim Kind. Es war zwar beruhigend, dass so immer jemand von uns beiden bei Milo sein konnte, aber es war auch sehr schlimm für uns, dass wir nicht gemeinsam bei unserer Tochter sein konnten und sie nicht gemeinsam kennenlernen konnten. Verwandte durften gar nicht zu Besuch kommen. Da meine Schwester auf der Neo arbeitete, war sie die Einzige, die Anouk vor Spitalaustritt kennenlernte. Leider durfte auch der stolze frischgebackene Bruder nicht ins Spital. Das zerriss mir das Herz. Wir machten Videos von Anouk für Milo, damit es für ihn möglichst real wurde, dass seine Schwester nun da und ein Teil von unserer Familie war. Aber dennoch erschwerte dieses Verbot die sonst schon schwierige Neo-Zeit enorm. Wir mussten auch nonstop Masken tragen auf der Neo. Dies war zwar verständlich, aber natürlich nicht gerade fördernd für die Nähe zwischen Eltern und Kind. Da Anouk ein spätes Frühchen war, 1 kg schwerer als ihr Bruder, 5,5 Wochen länger im Mutterleib und ohne jegliche Komplikation und wir aufgrund der Erfahrung mit Milo wussten, wie gut es schlussendlich auch bei Extremfrühchen herauskommen kann, waren wir relativ entspannt, was ihre Prognose und Entwicklung betrafen. Wir wussten, Anouk muss selbständig trinken können, die Wärme halten und dann ist es eine Frage der (eher kurzen) Zeit, bis sie nach Hause kann. Wir wussten, sie würde gesund sein und hatten viel Vertrauen, dass sie sich sehr gut entwickelt. Ihr Monitor piepste selten, sie hatte kaum Bradykardien. Schlimm für mich waren die Erinnerungen an die Zeit mit Milo, die jetzt – beim 2. Mal auf der Neo – alle wieder heraufkamen. Jedes Mal, wenn ein Monitor piepste, schrak ich zusammen und meinte, es sei mein Kind. Das Schlimmste aber war, dass ich nun Mutter von zwei Kindern war, ich aber nicht bei beiden sein konnte. Am 5. Tag nach der Geburt wollten sie mich wegen schlechten Blutdruckwerten immer noch nicht austreten lassen. Ich hielt es aber im Spital nicht länger aus, ich wollte meinen Sohn sehen und so wurde ich doch entlassen. Es begann ein hin und her zwischen zu Hause und Neo, zwischen Sohn und Tochter. Diese Zeit war unglaublich anstrengend für mich. War ich bei einem Kind, zog es mich zum anderen und umgekehrt. Ich hatte andauernd ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht für beide da sein konnte, wie ich es gewollt hätte. Anouk konnte nach ca. 10 Tagen auf der Neo in die Kinderklinik wechseln, dort hatten wir viel Freiraum, konnten sie selbständig aus dem Bettchen nehmen etc. Genau nach 3 Wochen durften wir sie 3,5 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin mit nach Hause nehmen. Ich ging mit dem Maxicosi ins Spital rein, Milo und mein Mann warteten draussen. Die erste Begegnung der beiden Geschwister ist unvergesslich. Milo sagte: «Ihre Hände sind ja sooo klein. Schau mal die kleinen Hände.» Endlich konnte er seine Schwester kennenlernen!
Ernährung Frühchen
Anouk erhielt von Anfang an Muttermilch, die ich eifrig abpumpte. Sie hatte eine Magensonde. Leider hatte ich in den ersten paar Tagen knapp nicht genug Milch und sie erhielt einige Flaschen Pulvermilch, danach nur Muttermilch. Sie trank bereits am 2. Lebenstag eine Flasche in einem Zug aus. In den ersten Tagen versuchten wir es auch bereits mit stillen und es funktionierte gut. Die Magensonde benötigte sie daher hauptsächlich nachts und wenn sie nicht alles an der Flasche bzw. Brust trinken konnte. Kaum zu Hause wollte ich nicht mehr abpumpen und ich versuchte es schon am 2. Tag zu Hause ohne Flasche. Es klappte wunderbar und Anouk nahm richtig gut zu.

Zeit nach der Neonatologie
Anouk hat keinerlei Folgen der Frühgeburt davongetragen. Sie ist eher klein und fein im Vergleich zu gewissen Gleichaltrigen, aber hat ihren Bruder bei den Kleidergrössen schnell überholt. Sie spricht wie ein Buch, ist ein Dickkopf und ist motorisch sehr weit und körperlich sehr aktiv. Sie ist heute 2 ¾ Jahre alt (Stand: Januar 2023).
Tipps für Frühcheneltern
Sprecht über eure Gefühle und Ängste. Sprecht mit einer Psychologin, während und nach der Neo-Zeit. Die Verarbeitung des Erlebten ist aus meiner Sicht extrem wichtig. Die Anwesenheit der Eltern auf der Neo ist von mir aus gesehen ein unfassbar wichtiger Faktor für die Entwicklung eines Frühgeborenen. Dass die Kinder die Stimmen der Eltern hören und ihre Nähe spüren, gibt ihnen Kraft. So viel Kängurulen wie möglich. Leider hat Anouk während ihrer Zeit auf der Neo nicht die gleiche Präsenz von uns Eltern erfahren wie drei Jahre zuvor ihr Bruder Milo. Weil wir zu Hause noch ein zweites Kind hatten, um das wir uns kümmern wollten und wir wegen Corona nicht alle zusammen bei Anouk im Spital sein durften. Im Nachhinein würde ich versuchen, das anders zu machen und noch mehr Zeit auf der Neo verbringen. Gleichwohl finde ich es sehr wichtig, dass man sich als Frühcheneltern auch mal eine Pause gönnt. Zu Hause im eigenen Bett schlafen fand ich extrem wertvoll, so bekam ich genug Schlaf und konnte Energie tanken für den nächsten Neo-Tag. Habt Vertrauen in eure Kinder. Frühchen sind Kämpfer!
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Unsere Peereltern waren selbst mit ihren Kindern auf der Neonatologie. Sie hören zu, teilen ihre Erfahrungen und begleiten Familien durch die Zeit auf der Station und danach.


