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Wissen

Stillen von Frühgeborenen

Zu früh ist dein Baby geboren und es wird auf der neonatologischen Intensivstation umsorgt. Auch wenn diese Situation besonders schwierig ist und du dich hilflos fühlst, kannst du einiges für dein Baby tun. Durch das regelmässige Abpumpen und Ausmassieren deiner Milch erhält dein Baby schützende Wirkstoffe für seine Entwicklung und Gesundheit.

Kolostrum — das «flüssige Gold»

Die erste Milch, die deine Brust nach der Geburt produziert, nennt sich Kolostrum. Diese dickflüssige, klebrige Muttermilch wird häufig als «flüssiges Gold» bezeichnet — nicht nur aufgrund der gelben bis orangenen Farbe, sondern auch weil die Inhaltsstoffe Gold wert sind. Trotz seiner geringen Menge ist der Anteil an Antikörpern und weissen Blutkörperchen im Kolostrum so hoch, dass es als natürliche Impfung bezeichnet wird. Das sogenannte sIgA (sekretorisches Immunglobulin A) konzentriert sich in der Schleimhaut des Magen-Darm-Trakts und der Atemwege deines Babys und schützt es so vor Krankheiten, die die Mutter bereits hatte.

Weitere immunologische Inhaltsstoffe und Wachstumsfaktoren fördern die Entwicklung des Verdauungssystems. Babys kommen mit einer durchlässigen Darmschleimhaut auf die Welt, die vom Kolostrum ausgekleidet und versiegelt wird. Dies ist besonders wichtig, wenn dein Baby zu früh geboren wurde, da ein höheres Risiko besteht, an der nekrotisierenden Enterokolitis (NEK) zu erkranken. Kolostrum wirkt auch abführend, um deinem Baby den ersten Stuhlgang — das Ausscheiden des sogenannten «Kindspechs» — zu erleichtern.

Häufiger Stuhlgang senkt wiederum das Risiko für die Neugeborenen-Gelbsucht. Die abführenden Eigenschaften des Kolostrums helfen deinem Baby, das Bilirubin über den Stuhl auszuscheiden.

Karotenoide und Vitamin A geben dem Kolostrum seine charakteristische Farbe. Vitamin A ist wichtig für das Sehvermögen und hält Haut und Immunsystem gesund. Kolostrum ist zudem reich an Mineralstoffen wie Magnesium, welches Herz und Knochen unterstützt, sowie Kupfer und Zink, die zur Entwicklung des Immunsystems und des schnell wachsenden Gehirns beitragen. Da das Kolostrum ähnlich aufgebaut ist wie Fruchtwasser, ist es die ideale Vorbereitung auf das Leben ausserhalb des Mutterleibs.

Stillen von Frühgeborenen

Reife Muttermilch

Ein paar Tage nach der Geburt findet die initiale Brustdrüsenschwellung, umgangssprachlich Milcheinschuss, statt. Anstelle von Kolostrum produzierst du nun zunehmend Übergangsmilch und reife Muttermilch, welche weisser und cremiger wird.

Reife Muttermilch enthält einen höheren Anteil an Inhaltsstoffen, die dein Baby gegen Bakterien- und Virusinfektionen schützen. Deine reife Muttermilch ist eine lebendige Flüssigkeit: Wenn du oder dein Baby eine Infektion habt, steigt der Anteil der weissen Blutkörperchen in deiner Milch rasant an, um die Infektion zu bekämpfen. Alpha-Lactalbumin, das Hauptprotein in Muttermilch, hat antibakterielle und das Immunsystem stimulierende Eigenschaften. Lactoferrin, ein Protein, das Eisen im Körper transportiert, hat eine antimykotische Wirkung. Und die Fettsäuren in der Muttermilch sind antiviral und antibakteriell.

Muttermilch enthält mehr als 200 Oligosaccharide. Diese komplexen Zucker tragen zum Aufbau und Schutz eines gesunden Darms bei und entwickeln das Immunsystem. In Kuhmilch oder Säuglingsnahrung befinden sich nicht annähernd so viele Oligosaccharide. Ebenso ist die Zusammensetzung der Fette einzigartig: Da das menschliche Gehirn zu mehr als der Hälfte aus Fett besteht, benötigen wir individuell angepasste Fettbestandteile, um diese Komplexität aufzubauen.

Reife Muttermilch enthält mehr als 1000 verschiedene Proteine, die Gehirn und Immunsystem unterstützen und das Wachstum fördern. Zudem sind viele Mikronährstoffe enthalten — Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente — deren Gleichgewicht sich über den Tag den Bedürfnissen deines Babys anpasst. Muttermilch ist Nahrung, Schutz, Nährstofflieferant und Geschmacksformer in einem — und ihre wertvollen Inhaltsstoffe können nicht künstlich hergestellt werden.

Muttermilch bei Frühgeborenen

In der Schwangerschaft werden wichtige Faktoren wie DHA (eine entscheidende Fettsäure für die Entwicklung von Gehirn und Augen) und Immunglobulin G (ein Antikörper) von der Mutter über die Plazenta auf den Fötus übertragen. Da Frühgeborene früher auf die Welt kommen, haben sie diese wichtigen Faktoren im Mutterleib noch nicht vollständig erhalten. Die Milch von Müttern frühgeborener Säuglinge enthält mehr Fette und sekretorisches Immunglobulin als die Milch von Müttern termingeborener Babys.

Frühgeborene haben zudem einen unreifen Magen-Darm-Trakt, was Schwierigkeiten bei der Verdauung und Aufnahme von Nährstoffen verursachen kann. Die Muttermilch enthält Enzyme, die deinem Baby bei der Verdauung helfen, sowie Wachstumsfaktoren, die zur Darmreifung beitragen. Frühgeborene, die hauptsächlich Muttermilch erhalten, haben eine deutlich niedrigere intestinale Permeabilität als Babys, die überwiegend Säuglingsnahrung bekommen — das bedeutet, dass weniger potenziell krankheitserregende Partikel durch die Darmwände in den Blutkreislauf gelangen können.

Deine Muttermilch enthält weitere schützende Wirkstoffe, die schwere Erkrankungen, für die dein Frühchen anfällig ist, verhindern können. Dazu gehören Infektionen, Frühgeborenen-Retinopathie sowie bronchopulmonale Dysplasie (eine chronische Lungenerkrankung).

Je mehr Muttermilch dein frühgeborenes Baby bekommt, desto niedriger sein Erkrankungsrisiko — darum zählt jeder Tropfen. Frühgeborene, die mit der Milch ihrer Mutter gefüttert werden, werden durchschnittlich zwei Wochen früher aus dem Spital entlassen als mit Säuglingsnahrung ernährte Babys, und ein erneuter Spitalaufenthalt ist weniger wahrscheinlich. Langfristig verbessert Muttermilch auch die geistige und körperliche Entwicklung: Forschungsergebnisse zeigen, dass Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht, die auf der Intensivstation Muttermilch erhielten, einen Vorsprung in ihrer geistigen Entwicklung haben und später eine bessere Herzfunktion aufweisen.

Es ist normal, dass sich Mütter mit Babys auf der Intensivstation viele Sorgen machen — diese Gefühle können die Milchproduktion beeinträchtigen. Hol dir Hilfe: Bitte die Mitarbeitenden auf der Neonatologie um Unterstützung, um deine Milchproduktion zu erhöhen, und lass dich an eine Stillberaterin vermitteln.

In Zusammenarbeit mit Medela.