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Wissen

Verarbeitung Neozeit

Die Zeit auf der Neonatologie verändert Eltern und Kinder. Hier findest du zehn Empfehlungen zur Verarbeitung einer Frühgeburt sowie ein ausführliches Experteninterview zur Begleitung der Kinder.

10 Empfehlungen zur Verarbeitung einer Frühgeburt

Das hilft Eltern:

  • 1.Such dir Unterstützung und tausche dich mit deinem Partner/deiner Partnerin, Familienmitgliedern oder einer Therapeutin über Gefühle, Ängste und Hoffnungen aus.
  • 2.Informiere dich möglichst gut über die Frühgeburtlichkeit, die medizinische Versorgung und die Entwicklung von Frühgeborenen, um die Situation besser zu verstehen.
  • 3.Erlebe dich als selbstwirksam, indem du dich schrittweise um die Bedürfnisse deines Kindes kümmerst.
  • 4.Nimm dir Zeit für deine Gefühle. Es braucht Zeit, um zu trauern, sich der Situation anzupassen und sich zu erholen.
  • 5.Verbringe viel Zeit mit deinem Kind. Der Hautkontakt während des Känguruhens und die Pflege des Kindes stärken die Eltern-Kind-Bindung und geben dir Sicherheit.
  • 6.Kümmere dich um deine körperliche und emotionale Gesundheit, zum Beispiel durch Rituale im Alltag, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und Zeit für Entspannung und Freude. Davon profitiert auch dein Kind.
  • 7.Tausche dich mit anderen betroffenen Eltern aus und ermutigt euch gegenseitig.
  • 8.Feiere jeden Fortschritt deines Kindes. Sei dir bewusst, dass auch Rückschritte dazugehören.
  • 9.Sei geduldig mit deinem Kind und mit dir selbst. Die Genesung und Entwicklung kann Zeit brauchen, aber mit Liebe, Geduld und Unterstützung kannst du zusammen mit deinem Kind die Herausforderung bewältigen.
  • 10.Lasse dich von deinem Kind leiten. Häufig sind es die Kinder, die den Eltern Kraft geben, die schwierigen Erlebnisse zu verarbeiten und die Situation der frühen Geburt zu akzeptieren.
Verarbeitung der Neozeit

Wie können Eltern ihre Kinder nach dem Austritt bei der Aufarbeitung der Neo-Zeit unterstützen?

Häufig befinden sich die Eltern nach der unerwartet frühen Geburt in einem Schockzustand. Grundsätzlich können Eltern ihr Kind am besten bei der Aufarbeitung unterstützen, wenn es ihnen selbst gut genug geht und sie Raum und Zeit für die Verarbeitung eigener Gefühle haben. Die Kinder spüren, wie es den Eltern geht — alles, was die Eltern für sich machen, kommt auch dem Kind zugute.

Darum empfehlen wir den Eltern schon auf der Neonatologie: sich immer wieder Zeit für eigene Gefühle zu nehmen, auch Trauer oder Wut zuzulassen (Kinder akzeptieren es gut, wenn Eltern auch mal weinen); Austausch mit Vertrauenspersonen oder Peers; Selbstfürsorge (Massage, Shiatsu, Spaziergänge, Lesen, Podcasts hören, Sport, Yoga etc.); Zeit mit dem Partner; Zeit zum Reflektieren, z.B. Tagebuch schreiben.

Für das Kind sind die Eltern die wichtigsten Bezugspersonen. Sie unterstützen ihr Baby dadurch, dass sie verlässlich verfügbar sind und die Bedürfnisse des Kindes feinfühlig beantworten — von Beginn an mit ihm sprechen, vorlesen und auch unangenehme Gefühle erlauben und mittragen. Dafür können auch Babymassage, Tragehilfe, Haut-zu-Haut-Kontakt, Sprechen oder Singen dienen.

Oft erleben Eltern wie Kinder die Trennung auf der Neonatologie als schmerzhafte Erfahrung. Zu Hause können alle zusammen die Nähe nachholen. Schwierige Momente können nicht einfach gelöscht werden, aber es dürfen neue und positive Erfahrungen daneben gesetzt werden. Die Eltern müssen nicht perfekt sein — «good enough» ist für die kindliche Entwicklung am besten.

Kleinkinder verarbeiten ihre Erfahrungen meist spielerisch. Ab dem Alter von 3 Jahren empfehlen wir, das Bilderbuch «Kraken kennen keine Berge» als Unterstützung anzubieten. Die liebevoll gestalteten Bilder von der Neo-Zeit und der lustige Oktopus Tinti erleichtern es, über diese Phase zu sprechen, Erinnerungslücken zu füllen und die entsprechenden Emotionen auszudrücken. Verarbeitung bedeutet nicht, dass diese Zeit vergessen wird, sondern dass die Erfahrungen so integriert werden, dass Kind und Eltern damit leben und funktionieren können. Manchmal entwickelt sich auch eine vertiefte Dankbarkeit für das Leben des Kindes.

Sollen die Kinder grundsätzlich immer psychologisch betreut werden?

Nach einer Frühgeburt ist psychologische Begleitung der Kinder nicht grundsätzlich notwendig. Wichtig sind die regelmässigen Entwicklungskontrollen und die Termine beim Kinderarzt. Kriterien für das Aufsuchen einer Kinderpsychotherapeutin sind zuallererst der subjektive Leidensdruck der Eltern oder des Kindes. Wir empfehlen eine therapeutische Begleitung der Familie, wenn elterliche Ängste und Sorgen um die Entwicklung des Kindes persistieren und die Kinder vor allem mit den Augen der Angst gesehen werden — oder wenn Verhaltensauffälligkeiten beobachtet werden wie Regulationsstörungen, massive Trennungsangst, anklammerndes Verhalten oder aggressiv-oppositionelles Verhalten, das über das normale Trotzen hinausgeht.

Grundsätzlich nehmen wir als Psychotherapeutinnen jedes Anliegen der Eltern ernst, machen eine ausführliche Anamnese, erarbeiten gemeinsam ein Problemverständnis oder empfehlen medizinische Abklärungen. Es geht auch darum, dass Eltern sich sicher und kompetent im Umgang mit dem Kind fühlen. Wir pathologisieren weder die Eltern noch die Kinder, sondern versuchen, eine gesunde Entwicklung zu unterstützen. Dazu gehören auch Erziehungsberatung oder die Zusammenarbeit mit anderen Fachpersonen (Ärzte, Physiotherapie, Logopädie, Osteopathie, Musiktherapie etc.). Im Zweifelsfall ist es sinnvoll, solche Fragen bei einer Fachperson des Vertrauens anzusprechen.

Wie informiere ich mein Kind über seinen schwierigen Start ins Leben?

Wir empfehlen den Eltern, zunächst selbst Worte für das Erleben der frühen Geburt zu finden und immer wieder mit vertrauten Personen darüber zu reden oder ein Tagebuch zu führen. Auch empfehlen wir, von Anfang an mit dem Kind zu sprechen (und dem Kind aus unserem Bilderbuch «Kraken kennen keine Berge» vorzulesen). Die Bilder zeigen kindgerecht die Schritte der ersten Lebenswochen auf der Neonatologie, und im Anhang findet sich ein psychologisch fundierter Begleittext. So gehört die Frühgeburt zum normalen Leben des Kindes und der Familie.

Wichtig ist es, die Themen rund um die Frühgeburt nicht zu vermeiden, sondern zum Beispiel mit Hilfe des gehäkelten Oktopus, Fotos, Bilderbüchern oder einem Tagebuch über den ganz eigenen Start ins Leben zu sprechen. Eltern dürfen sich von den Fragen des Kindes leiten lassen. Kinder sind kreativ und resilient und haben eigene Verarbeitungsstrategien. Auch ist es sinnvoll, mit dem älteren Frühgeborenen einen Besuch auf der Neonatologie zu machen und ihm zu zeigen, wo es die erste Lebenszeit verbracht hat — die Pflegefachpersonen und das Behandlungsteam freuen sich, an der Entwicklung der Kinder teilhaben zu dürfen.

Ab wann sollen Eltern Bilder aus der Neo-Zeit zeigen — und wie hilft das Bilderbuch?

Die Empfehlung ist, die Bilder dann zu zeigen, wenn das Kind Interesse zeigt und danach fragt. Es empfiehlt sich, einige wenige Bilder aus der Neo-Zeit im Kinderzimmer aufzuhängen, sodass das Kind diese täglich sehen kann und die Gelegenheit hat nachzufragen. Bei der Auswahl ist es wichtig, die Würde des Kindes zu respektieren. In der Regel beginnen sich Kinder im Alter von 3–5 Jahren für die Umstände der eigenen Geburt zu interessieren — es kann aber auch früher oder später sein, das ist alles im Normbereich.

Mit dem Bilderbuch können die Eltern zusätzlich zu den Fotos die Themen auf der Neo in einfachen, kindgerechten Worten erklären. Tinti, der lustige Oktopus, ist dabei immer an der Seite des frühgeborenen Kindes und verkörpert seine widerstandsfähigen Anteile. Wichtig ist, dass diese Themen in einem geschützten Rahmen angeschaut werden und sich die Kinder dabei von den Eltern unterstützt und geliebt fühlen. Sinnvoll ist es, das Thema vor dem Eintritt in den Kindergarten zu thematisieren.

Es geht nicht darum, etwas ungeschehen zu machen, sondern die kindliche Resilienz durch den Kontakt mit schwierigen Themen zu stärken. Die Verarbeitung verläuft häufig in Schüben, sodass sich Phasen erhöhter Sensibilität mit Phasen emotionaler Stabilität abwechseln. So kann die Frühgeburt nach und nach für die ganze Familie zu einer Bewältigungserfahrung werden.

Was kannst du den Eltern nach einer Frühgeburt noch mitgeben?

Es ist wichtig anzuerkennen, dass die Verarbeitung der Frühgeburt für die Eltern Zeit und Raum brauchen darf. Manchmal entsteht der Eindruck, dass bereits alles bewältigt ist — und wenn dann ein Rückschlag beim Kind kommt oder es Probleme in der Schule zeigt, kommt die ganze Geschichte zusammen mit Schuldgefühlen wieder hoch. Es darf auch jederzeit später Hilfe angenommen werden. Aus unserer Erfahrung braucht es häufig Zeit, bis die Eltern sich mit der Vergangenheit versöhnen können. Wir sind gerne für die Eltern und ihre frühgeborenen Kinder da und schätzen das Vertrauen einer Kontaktaufnahme sehr.

Text und Interview: Fachpsychologin für Psychotherapie, eidg. anerkannte Psychotherapeutin, Lic. phil. Sabine Ihle.